Ich verstehe dich. Aber mir tut´s weh.

bild mit schmetterling

Vielleicht kennst du solche Gespräche: Jemand erzählt dir, wie schwer gerade alles ist. Du hörst zu, fragst nach und versuchst zu verstehen. Eigentlich hattest du selbst etwas auf dem Herzen. Aber dafür scheint jetzt nicht der richtige Moment zu sein.

Oder bei euren Treffen geht es immer wieder um dieselben Probleme. Du merkst, dass du heute gerne über etwas anderes sprechen würdest. Einfach miteinander lachen, etwas Schönes erzählen, einen unbeschwerten Nachmittag verbringen. Gleichzeitig fällt es vielleicht schwer, das anzusprechen. Wie kommt ein „Lass uns mal über etwas anderes reden“ an, wenn es dem anderen gerade schlecht geht?

Vielleicht hast du es auch schon gesagt. Doch nach kurzer Zeit landet das Gespräch wieder bei den Problemen. Und während deine Lust zuzuhören nachlässt, meldet sich der Gedanke: „Na ja, ihm geht es wirklich schlecht. Ich muss doch für ihn da sein.“

So kann das Gespräch weitergehen, obwohl dir gerade weder die Kraft noch der Sinn danach steht. Und der eigene Wunsch nach einem anderen Thema bleibt auf der Strecke.

Oder jemand reagiert gereizt auf dich. Du weißt, dass dieser Mensch gerade viel um die Ohren hat. Deshalb kannst du seine Reaktion gut nachvollziehen. Dass die Worte trotzdem verletzend waren, gerät dabei fast in den Hintergrund.

Manchmal ist das Verständnis für andere so schnell da, dass die eigene Reaktion kaum zu Wort kommt.

„Er ist eben überlastet.“
„Sie hat es gerade wirklich schwer.“
„Das war bestimmt nicht so gemeint.“

Das kann alles stimmen. Und gleichzeitig kann etwas wehgetan haben.

Wie wäre es, wenn beides Platz hätte: dein Verständnis für den anderen und das, was du selbst empfindest?

Viel mitbekommen, viel mittragen

Empathie macht Begegnungen besonders. Sie hilft uns, zuzuhören, uns in andere hineinzuversetzen und auch das wahrzunehmen, was jemand nur schwer ausdrücken kann. Daraus können Nähe und tiefe Verbundenheit entstehen.

Doch manchmal wird aus dem Mitfühlen ein Mittragen, das weit über das Gespräch hinausgeht.

Nach einem Treffen bleiben die Sorgen des anderen noch lange präsent. Bei einer angespannten Stimmung entsteht vielleicht der Wunsch, schnell wieder für ein gutes Miteinander zu sorgen. Eine Bitte wird erfüllt, obwohl die eigene Kraft eigentlich schon für den restlichen Tag verplant war.

Wie sich das anfühlt, ist unterschiedlich. Helfen kann Freude machen. Es kann sich selbstverständlich anfühlen. Manchmal zeigt sich erst später, wie viel Kraft es gekostet hat.

Etwa wenn nach einem Tag voller Verständnis für andere schon die Frage „Was essen wir heute?“ eine erstaunlich große Herausforderung wird.

Vielleicht wird in solchen Momenten spürbar, dass die eigenen Bedürfnisse an diesem Tag wenig Platz hatten.

Wenn am Helfen das Gefühl hängt, wertvoll zu sein

Für jemanden da zu sein, kann beide Menschen bereichern. Manchmal hängt am Helfen aber auch das Gefühl, selbst wichtig zu sein. Einen Platz zu haben. Vielleicht sogar die Überzeugung, nur dann liebenswert zu sein, wenn man etwas für andere tut.

Dann kann ein Nein schwerfallen, obwohl eigentlich ein anderer Wunsch da ist. Ein freier Nachmittag zum Beispiel. Ein Gespräch, in dem es auch einmal um etwas Schönes geht. Oder schlicht das Bedürfnis, gerade für sich zu sein.

Dafür braucht es keine völlige Erschöpfung. Auch der Wunsch, etwas anderes zu machen, zählt.

Doch Gedanken wie „Ich muss Verständnis haben“ oder „Ich darf niemanden enttäuschen“ können viel Gewicht bekommen. Vielleicht tauchen auch Fragen auf: „Was passiert, wenn ich jetzt Nein sage? Was passiert, wenn ich meine Bedürfnisse oder Wünsche mitteile?“

Dahinter steht möglicherweise die Angst: Bleibt die Verbindung bestehen? Bin ich dann noch wichtig? Werde ich trotzdem geliebt?

Auch ich kenne diesen Zusammenhang von früher. Ich wollte anderen ehrlich helfen. Gleichzeitig habe ich aus dem Helfen das Gefühl gezogen, wichtig und wertvoll zu sein. Beides war da. Zu erkennen, wie eng mein Selbstwert damit verbunden war, war für mich wesentlich.

Wenn wir anderen helfen möchten, kann es deshalb aufschlussreich sein, auch auf die eigenen Beweggründe zu schauen: Was möchte ich für den anderen tun? Und welche Bestätigung wünsche ich mir dabei vielleicht selbst?

Das Mitgefühl kann ehrlich sein, während zugleich eigene Ängste mitwirken. Ein blinder Fleck kann dort liegen, wo die Hilfsbereitschaft deutlich sichtbar ist, die Sorge dahinter aber kaum: ohne sie weniger zu zählen oder eine Verbindung zu verlieren.

Dahinter können Erfahrungen stehen, in denen Anpassung und Aufmerksamkeit für andere geholfen haben, Nähe zu erhalten oder schwierige Situationen zu überstehen. Was einmal Schutz gegeben hat, kann später dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse immer wieder zurückstehen.

Auch diese Seite verdient Verständnis.

Wenn Verständnis immer wieder Verletzungen entschuldigt

Es gibt oft nachvollziehbare Gründe dafür, dass Menschen ungeduldig, abweisend oder unzuverlässig reagieren. Wer sich gut in andere hineinversetzen kann, sieht diese Gründe vielleicht besonders deutlich.

Nur beantwortet die Erklärung noch nicht die Frage, wie es einem selbst mit diesem Verhalten geht.

Der Partner kommt nach einem schwierigen Arbeitstag nach Hause. Im Gespräch fällt eine schroffe Bemerkung. Später bemerkt er selbst, dass er seinen Frust an dir ausgelassen hat, entschuldigt sich und hört sich an, wie das für dich war. Solche Momente können in Beziehungen vorkommen und lassen sich gemeinsam klären.

Anders kann es aussehen, wenn sich das wiederholt. Wenn nach belastenden Tagen regelmäßig du den Ärger abbekommst. Wenn Bemerkungen verletzend werden und anschließend der Stress als Erklärung ausreichen soll.

Auch in Freundschaften oder bei der Arbeit kann sich so etwas entwickeln. Eine Freundin lässt immer wieder ihren Frust bei dir ab. Eine Kollegin schimpft ausführlich über andere und reagiert gereizt, sobald du etwas dazu sagst. Die Belastung des anderen ist deutlich zu sehen. Für das, was der Umgang bei dir hinterlässt, gibt es dagegen wenig Aufmerksamkeit.

Vielleicht meldet sich dann schnell das Verständnis: „Ihr geht es gerade wirklich schlecht.“ Oder: „Er kann mit seinen Gefühlen eben nicht gut umgehen.“

So kann eine Erklärung zur Entschuldigung für ein Verhalten werden, das immer wieder wehtut. Der Anlass wechselt, aber der Umgang bleibt gleich.

Verstehen, warum jemand verletzt, macht die Verletzung nicht ungeschehen.

Es kann sogar schwerfallen, die eigene Grenze überhaupt anzusprechen. Aus Rücksicht auf die Not des anderen. Aus Sorge, zusätzlichen Ärger auszulösen. Oder weil sich der Gedanke meldet, gerade jetzt besonders verständnisvoll sein zu müssen.

Dann bekommt die Belastung des anderen viel Raum, während die eigene Verletzung immer wieder zurückgestellt wird. Auf Dauer kann das schaden, auch wenn hinter dem Verständnis viel Zuneigung und Mitgefühl steckt.

Auch Wut kann auftauchen. Zum Beispiel, wenn eine Absprache wiederholt übergangen wird, Frust regelmäßig bei einem selbst landet oder Rücksicht nur in eine Richtung erwartet wird.

Diese Wut verdient ebenso einen verständnisvollen Blick wie die Überforderung des Gegenübers. Sie gehört zum eigenen Erleben dazu. Mitfühlend zu sein bedeutet schließlich nicht, ausschließlich die angenehmen Gefühle mitzubringen.

Die Geschichte des anderen kann wichtig sein. Deine Erfahrung mit ihm ist es genauso.

Wenn auch für dich Platz ist

Stell dir ein Gespräch vor, in dem du aufmerksam zuhörst und zugleich sagen kannst: „Ich möchte dir auch noch etwas erzählen.“

Dein Anliegen braucht dafür weder dramatischer noch dringender zu sein. Es gehört zu eurer Begegnung, weil du ebenfalls da bist.

Oder jemand bittet dich um Unterstützung. Du verstehst, warum die Hilfe gebraucht wird. Gleichzeitig ist für dich spürbar, ob du sie gerade geben möchtest und kannst. Daraus kann ein ehrliches Ja entstehen. Oder ein ebenso ehrliches Nein.

Auch nach einer verletzenden Bemerkung könnte beides ausgesprochen werden: „Ich verstehe, dass dein Tag schwierig war. Aber so möchte ich nicht angesprochen werden.“

Das Mitgefühl bleibt. Die eigene Grenze bekommt ebenfalls einen Platz. Der andere bleibt dafür verantwortlich, wie er mit seinem Frust umgeht.

So könnte sich Empathie leichter anfühlen: Du bist berührbar, kannst Nähe zulassen und Anteil nehmen. Dabei bleibt Raum für deine Wünsche, deine Müdigkeit und deine Freude. Und auch dafür, einen Umgang anzusprechen, der dir wehtut.

Du kannst jemandem helfen, weil du es möchtest. Und du kannst erleben, dass eine Verbindung auch dann Bestand hat, wenn du einmal nichts lösen, auffangen oder übernehmen kannst.

Vielleicht liegt darin etwas besonders Wohltuendes: als Mensch willkommen zu sein, auch wenn man gerade keine Hilfe anzubieten hat. Mit den eigenen Bedürfnissen ernst genommen zu werden, statt nur als verständnisvolles Gegenüber gefragt zu sein.

Wenn sich etwas verändert

In Beziehungen können sich Gewohnheiten entwickeln. Einer erzählt viel, der andere hört zu. Einer bittet, der andere ermöglicht. Solange sich beide damit wohlfühlen, muss daran nichts falsch sein.

Wenn sich Bedürfnisse verändern oder bisher Unausgesprochenes sichtbar wird, braucht das Miteinander möglicherweise eine neue Form. Manche Menschen reagieren darauf offen. Andere irritiert oder enttäuscht. Wie viel gegenseitiges Interesse vorhanden ist, zeigt sich dann auch darin, ob die Wünsche beider Raum bekommen.

Bei wiederholten Verletzungen gehört auch dazu, ob jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und seinen Umgang zu verändern. Eine Beziehung wird nicht allein dadurch respektvoller, dass einer von beiden noch mehr Verständnis aufbringt.

Es kann Zeit brauchen, den eigenen Bedürfnissen genauso viel Aufmerksamkeit zu schenken wie denen anderer. Gerade wenn das Eingehen auf andere lange selbstverständlich war.

Im Coaching können wir gemeinsam erkunden, wie du deine Empathie erlebst. Wann bereichert sie dich? Wann wird es anstrengend oder verletzend? Welche Überzeugungen oder Ängste wirken möglicherweise mit, wenn du eigene Wünsche zurückstellst oder einen Umgang immer wieder entschuldigst?

Dabei gibt es Raum, diese Zusammenhänge zu verstehen und daran zu arbeiten, dass du dich auch mit deinen Grenzen als wertvoll und liebenswert erleben kannst.

So kann ein Miteinander möglich werden, in dem deine Fähigkeit zum Mitfühlen erhalten bleibt und du selbst genauso dazugehören kannst.

Wie würde sich eine Beziehung anfühlen, in der dein Verständnis geschätzt wird und deine Gefühle und Grenzen ebenso ernst genommen werden?

Vielleicht begleitet dich diese Frage noch ein wenig. Ich wünsche dir Begegnungen, in denen du mitfühlen kannst und dich selbst dabei genauso gesehen fühlst.

Alles Liebe
Nadine

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Nadine Böhmer

Psychologische und systemische Beraterin

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